Wenn ich in Deutschland sage, dass ich in Venezuela lebe, bekomme ich selten eine neutrale Reaktion.
Die meisten Menschen haben sofort ein Bild im Kopf.
Das Spannende daran:
Viele waren noch nie hier.
Venezuela ist eines dieser Länder, über die Menschen sehr starke Meinungen haben, obwohl sie nur einen winzigen Ausschnitt kennen.
Ich versuche deshalb inzwischen gar nicht mehr, jemanden davon zu überzeugen, dass sein Bild falsch ist.
Ich erzähle lieber, wie mein Alltag aussieht.
Venezuela ist nicht Margarita
Der erste Punkt ist simpel.
Ein Land ist kein einzelner Ort.
Mein Leben spielt sich hauptsächlich auf Isla Margarita ab.
Eine Insel funktioniert anders als Caracas.
Caracas funktioniert anders als kleinere Städte auf dem Festland.
Und selbst auf Margarita gibt es enorme Unterschiede zwischen einzelnen Gegenden.
Trotzdem reden Menschen über Venezuela häufig, als wäre jede Straße im Land identisch.
Das wäre ungefähr so, als würde jemand drei Berichte aus Berlin lesen und anschließend erklären, wie das tägliche Leben in einem Dorf am Bodensee funktioniert.
Bevor jemand hier investiert oder umzieht, versuche ich deshalb immer, abstrakte Diskussionen möglichst schnell konkret zu machen.
Wo genau möchtest du wohnen?
Was brauchst du medizinisch?
Wie oft willst du nach Europa fliegen?
Brauchst du eine internationale Schule?
Willst du ein Unternehmen betreiben?
Wie wichtig ist dir eine vollständig redundante Stromversorgung?
Wie viel Infrastruktur willst du selbst kontrollieren?
Plötzlich wird aus „Ist Venezuela sicher?“ eine Liste vernünftiger Fragen.
Mit vernünftigen Fragen kann man arbeiten.
Probleme verschwinden nicht, nur weil ich gerne hier lebe
Sind wir mal ehrlich:
Wenn wir bei CryptoCity Häuser mit umfangreicher Solar- und Batteriespeicherung planen, dann machen wir das nicht, weil Solarmodule auf Renderings gut aussehen oder weil ich ein Fan der Grünen wäre.
Unabhängigkeit bei Energie ist hier praktisch wertvoll.
Dasselbe gilt für Wasser.
Wir beschäftigen uns intensiv mit eigener Infrastruktur, weil Infrastruktur wichtig ist.
Bei Investoren kommen regelmäßig Fragen zu medizinischer Versorgung, Sicherheit, Wasser, Strom, Recht, Eigentum und Einreise.
Das sind keine nervigen Einwände.
Das sind vernünftige Fragen.
Wer sein Leben oder einen relevanten Teil seines Vermögens in ein anderes Land verlagert, sollte unangenehme Fragen stellen.
Ich tue das selbst.
Was mich stört, ist nur der Sprung von einem realen Problem zu der Behauptung, damit sei das gesamte Land erklärt.
Das funktioniert in keine Richtung.
Gleichzeitig wird enorm viel Normalität ausgeblendet
Der überwiegende Teil meines Tages besteht nicht daraus, über Venezuela nachzudenken.
Ich sitze im Büro.
Wir bauen Webseiten.
Ich bespreche Hausgrundrisse.
Wir fahren zur Baustelle.
Wir schauen uns Grundstücke an.
Wir drehen Content.
Wir bearbeiten Leads.
Wir diskutieren mit Architekten und Anwälten.
Wir versuchen herauszufinden, warum irgendeine Automatisierung nicht funktioniert.
Am Abend treffe ich Leute.
Das ist mein Alltag.
Nicht besonders dramatisch.
Und wahrscheinlich ist genau das für Außenstehende schwer vorstellbar.
Nachrichten berichten naturgemäß über Ereignisse.
Nicht darüber, dass jemand an einem Dienstag drei Stunden über Küchenoptionen diskutiert.
Dadurch entsteht ein verzerrtes Bild jedes Landes, über das hauptsächlich in Krisenzeiten berichtet wird.
Die Lösung ist für mich nicht, Nachrichten zu ignorieren.
Die Lösung ist, sie um direkte Erfahrung zu ergänzen.
Ein Land aus der Ferne zu beurteilen und in einem Land ein Unternehmen zu betreiben, sind zwei völlig unterschiedliche Informationsquellen.
Deshalb lade ich Menschen lieber ein, selbst hinzuschauen
Bei CryptoCity haben wir irgendwann gemerkt, dass man bestimmte Fragen nicht mit noch einer FAQ beantworten kann.
Man muss den Ort sehen.
Man muss die Straßen fahren.
Man sollte Supermärkte, Wohngebiete und Strände sehen.
Man sollte bestehende Bewohner sprechen.
Man sollte die Baustelle besuchen.
Man sollte mit Anwälten reden.
Und danach kann man entscheiden.
Genau deshalb halte ich Investorentrips und Besichtigungen für so wichtig.
Nicht um jemanden mit sieben Tagen Karibik zu überzeugen.
Sondern damit aus einer abstrakten Entscheidung eine konkrete wird.
Vielleicht fährt jemand danach nach Hause und sagt: Das ist nichts für mich.
Völlig okay.
Vielleicht sagt er: Das ist komplett anders, als ich gedacht habe.
Auch okay.
Mein Ziel ist nicht, Venezuela zum besten Land der Welt zu erklären.
Ich lebe hier.
Ich baue hier Unternehmen.
Ich sehe jeden Tag Dinge, die funktionieren, und Dinge, die mich wahnsinnig machen.
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Diese Grauzone ist weniger spektakulär als die Extreme.
Aber sie entspricht meiner Erfahrung deutlich besser.
